Über die Möglichkeit eines Bären

von poscoleri

Ein Bär wäre wohl die perfekte Sitzgelegenheit.

Ein großer, großer Bär! Kein Brillenbär oder solches, ein Grizzly. Man bekäme wohl Probleme mit der Möbelindustrie, der Tierschützerei und der Börse. Man müsste wohl also allerhand Lobbyarbeit betreiben und sogenannte wasserdichte Verträge abschließen, bevor man dies Unternehmen anginge. Man müsste wohl irgendeine steuerlich absetzbare Nutzung für einen solchen Bären finden, etwa Zirkusarbeit oder Treibjagden, oder ihn als Kindergärtner anstellen in einer „Bärengruppe“, die ebenso erst aufzubauen wäre wie besagter Kindergarten. Man müsste um allerlei Bewilligungen ansuchen für den Kindergarten und ein Projekt zur Verschleierung des Kinderverschwindens erfinden. Vielleicht Organhandel, denn das ist emotional beladen, und niemand wird etwas gegen die Rettung von Menschenleben einzuwenden haben. Oder medizinische Experimente, die nachhaltig sind und durch die Nutzung von Kindern auch keine Tiere quälen. Natürlich würden man die Kinder niemals wirklich für derlei Unmenschliches wie Organtransplantationen oder Experimente nutzen, sondern nur an den Grizzly verfüttern. Dadurch wäre erfreulicherweise auch immer genug Platz für neue Kinder, der Mangel an Kindergartenplätzen ist schließlich ein großes Problem unserer Zeit. Durch die hohe Fluktuation würden die Kinder auch sehr früh das Konzept der Vergänglichkeit kennenlernen, was sicherlich kein Schaden ist. Es wären sehr furchtlose Kinder, die auch den Wert von Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Bekanntschaften erfahren würden. Es wären Kinder, die wahrhaft „im Moment“ leben würden, da ihr Kindergärtner ein furchterregender Bär wäre, der sie jederzeit fressen könnte. Da die Jugend ja auch immer fetter wird, wäre es wohl schließlich ein gutgenährter Bär, auf dem sich gut säße. Außerdem könnte man den Bären wohl nach einiger Zeit auf Bärengewichtscontesten antreten lassen und würde ohne Probleme zum Seriensieger. Die Bärengewichtsconteste müsste man wohl auch erst selbst organisieren, da die Bärenmast in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert wird. Hat man derlei Vorarbeit erledigt – Lobbyarbeit, Kindergartenaufbau, Organspendescheinkartell, Enttabuisierung der Bärenfettleibigkeit – , ist der Rest fast ein Kinderspiel. Sodann könnte man auf dem Bären sitzen wie es einem beliebt, außerhalb der Kindergartenöffnungszeiten. Vielleicht würde man von Besuchern, die Angst vor Bären haben, schief angeschaut, aber damit muss man wohl leben. Man muss ja auch nicht so viele Besucher im Eigenheim begrüßen, man hat ja dann, wie ich erwähnte, einen Bären. Man könnte lustige Trinkspiele veranstalten mit den wenigen Besuchern, bei denen man diesen „einen Bären aufbindet“. Das würde wohl darin resultieren, dass die dem Bären untergebundene Person gefressen würde, aber so ist das Leben. Bären sind nun mal Wildtiere, das darf man nicht vergessen, da ist kein Platz für Zimperlichkeiten. Deshalb sollte man nur ungeliebte Personen in das Trinkspiel einbinden, wie zum Beispiel zu „Freunden“ mutierte Expartner. Man könnte auch Twitter-Personen einladen und fressen lassen, die man nicht gar so sehr mag. Das täte auch Twitter gut.

Es klingt wie der Weg zur Glückseligkeit. Ein Bär und eine Sitzgelegenheit. Wahrlich perfekt.

Auch würden wohl sogenannte „Kampfhundebesitzer“ mit sogenannten „Kampfhunden“ weniger gehsteigraubend spazieren im Angesicht des Bären. So ist ein Bär also schlicht eine gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit.

„Posco e l’orso“ wäre auch ein peppiger Name für alle Bären-bezogenen Unternehmungen. Man müsste beim Management des französischen Elektro-Musikusses mit dem Namen „Mr. Oizo“ anfragen, ob es Namensrechte gefährdet sähe. Allenfalls müsste man es gerichtlich durchfechten, aber ich würde da ohne Zweifel alle Instanzen anrufen. Zum Teufel, ich würde bis nach Den Haag gehen um mich gegen diesen Franzosen zur Wehr zu setzen! Versteht mich nicht falsch, ich schätze seine Musik, aber das ist lächerlich! Das klingt ja nicht mal sonderlich ähnlich!

Von der Möglichkeit, mit einem Grizzly problemlos in den Backstagebereich eines Tocotronic-Konzertes zu gelangen, wagt man gar nicht zu träumen. Nur soviel: Man kauft zwei Karten, eine für sich und eine für den Bären. Man nimmt die Plätze ein und lauscht dem Konzert. Später verlässt man nach der letzten Zugabe den Zuschauerraum und bittet Backstage um Einlass. Der Bär – das ist wichtig! – bleibt im sich leerenden Zuschauerraum. Dann erwähnt man beiläufig – wichtig! – die Präsenz des Bären. Das ist ein überaus guter Gesprächsstarter, normalerweise sind ja eher weniger Bären im Zuschauerraum anwesend, außer Holzfällerhemdtypen, die ich hier nicht meine. So kommt man ins Gespräch mit dem Backstagebewachungspersonal, mit dem man nun einiges trinkt. Hat man sie betrunken gemacht, versteckt man sich mit dem Bären im Skikoffer des Tocotronic-Busses und wirft die Ski weg. So gelangt man ohne Probleme zum nächsten Tourstopp der Tocotronic-Tour. Vorsorglich hat man Proviant eingepackt, denn der nächste Tourstopp liegt ja in der Schweiz, wie man messerscharf aus dem Vorhandensein des Skikoffers geschlossen hat. In der Schweiz angekommen macht man einen touristischen Rundgang durch die zweifelsfrei pitoreske Stadt. Dadurch fällt man kaum auf – Bären sind in der Schweiz durchaus nicht ungewöhnlich – und kehrt dann unverdächtigerweise zum Konzertort zurück. Dort hat sich bereits ein Streit zwischen Tocotronic und dem Organisationspersonal entsponnen, da die Ski der Band abhanden kamen. Man befeuert also die Streitigkeit, indem man als Passant kompromittierende Fakten über das Personal in die Runde wirft. ( Nazis! Die waren bei AMAZON! ) Als politische Band feuern Tocotronic das gesamte Tourpersonal. ( Alles Nazis! ) Nun besteht ein Mangel an fähigem Personal und Schweizer sind keine zu finden, da man in der Innenstadt das Gerücht einer Bombendrohung streute. Hier kommt man nun mit dem Bären ins Spiel. Man bietet sich unkompliziert an, auf Zeit- oder Werkvertragsbasis, aber nicht ehrenamtlich, dies würde Verdacht erwecken. Das Angebot wird angenommen, denn so ein Bär ist kräftig! Somit ist man Teil des Tocotronic-Tourpersonals und erhält jederzeit freien Zugang zur Band. Vielleicht stimmt man ihre Gitarren oder steht auch im Bühnenrandbereich und taucht so in gut beleuchteten Momenten in „YouTube“-Videos auf. Um die eigene Erkennbarkeit und damit den Internetfame sicherzustellen, verteilt man leistungsfähige Handkameras mit Stativ, da die Videos sonst furchtbar werden. Die Kameras sind mit GPS-Sendern zu versehen, um etwaige Diebe später durch die Schweiz zu jagen zu können und schlussendlich zu fressen.

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