Sechzehn Beobachtungen & Gedanken

von poscoleri

Ein netter, recht handfest aussehender Herr mit Nazitätowierungen hat ein Bierglas im Zug abgestellt, um anschließend zu verschwinden. Ob die Zerschmetterung des Glases bei der Abfahrt des Zuges als subtile politische Aktion oder als schlichte Unachtsamkeit gewertet werden muss, wird wohl ungeklärt bleiben.

Immer ist eine ungerade Zahl.

Ich spüre die gigantische Anziehungskraft des Verfalls und der Gänse. Des Verfalls, der offensichtlichen Erzählung wegen, die dem Unpolierten und Imperfekten innewohnt. Der Gänse, der entspannten Gelassenheit wegen, mit der sie sich mir als Verbündete im Geiste zu erkennen geben.

Schafe springen durch den Schnee, wie fleischdurchzogene Wollpullover.

Die Menschen, an denen ich vorbeifahre, sind hier nicht auf Urlaub, soviel ist sicher. Eine Gegend, so kaputt wie die ausgebrannten Fabriken und ausgebrannten Menschen, die ihr Inventar sind. Einmal die Grenze überschritten und der Mindestlohn beträgt 1,97 €, aber es gibt zumindest einen.

Ein Mann hat drei Kugelschreiber in der Brusttasche seines Jacketts stecken. Ich bezweifle, dass seine tatsächliche Wichtigkeit eine derartig große ist.

An dem Tag, an dem ich mich dem Leben und der Realität ergebe, werde ich sterben, es wird Ankommen sein und Glück. Ich werde glühen und verschwinden im Rauch, mich auflösen in Perfektion. Die Vollendung ist auch das Ende, gibt es nichts mehr zu erreichen, gibt es auch nichts mehr zu erzählen. Was wir anstreben, wird uns schlussendlich auch vernichten.

Ein Mann lutscht am Bügel seiner Brille, die er in einem Etui mit der Aufschrift „AMERICAN WAY“ aufbewahrte, und trägt graumelierte Socken, alles an ihm wirkt wie von der Welt nicht tangiert.

Es gibt eine Körperhaltung, die nur bei sich auf der Unterseite einer bereits geöffneten Pralinenschachtel über Geschmacksrichtungen informierenden Menschen beobachtet werden kann.

Den einzigartigen Charme leicht ins Schiefe gekippter Steinzäune werde ich nie mehr vergessen.

Verwunderlicherweise haben sie in der Zwischenzeit den ganzen Bahnhof eingepackt und weggeräumt, kaum ist noch was zu erahnen. Es gehört wohl zu den Wundern der Menschheit, sich & ihre Spuren wie der eigenen Vergänglichkeit zum Trotz unvermittelt verschwinden zu lassen.

Im Tunnel zu telefonieren zu beginnen, ist wohl eine Kunst, in der man sich nicht üben sollte, wenn man das Gegenüber standardmäßig nicht zu Wort kommen lässt. ( Oder eben genau in diesem Fall. )

Ich drehe meinen Kugelschreiber zwischen meinen Fingern wie einer, der nichts zu verbergen hat. Auch sonst setze ich heute ganz auf Tarnung und Täuschung.

Eine tschechische Schaffnerin singt mir den Fado, gänzlich unberührt von Antwort, gleichgültig und -mäßig, das muss wohl Ruhe sein.

Auf der einen Seite eines grünen Flusses ein verschlafener, offenbar der Romantik entsprungener Wald und auf der anderen so etwas wie die postmoderne Anlage einer Allee in 50 Jahren. Sonderbar gegensätzlich und verstörend passend.

Die Vier- bis Achtjährigen von Břeclav wirken sowohl fresh als auch real, wie aus einem Video, das nach einem halben Jahr ob des riesigen Erfolges von arrivierten Medien besprochen wird. From the tschechische Provinz to the long-lasting interweb-fame. Markiert meine Worte.

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