Die Bäckerin

von poscoleri

Als ich also letztens nicht beim Bäcker war, habe ich ein interessantes Gespräch mit der Bäckerin geführt, von dem ich euch erzählen möchte.

Ganz unverhofft und im Eigentlichen auch komplett unerwünscht klagte mir diese Bäckerin mit den furchtbar fest aussehenden Händen über das Leid der familienbetriebenen Bäckereien mit dem Individualismus, Indivualbäcker-Probleme also, dachte ich im Stillen. Während die Frau so von der hundertsten Semmel zum tausendsten Brot kam, sponn sich eine Meta-Erzählung um all das, was sie von pingeligen Kunden, verwöhnten Brot-Essern und haarsträubenden backtechnischen Kleinigkeiten, die man dem Menschen so vorsetzen müsse, zu erzählen wusste. Weil die Menschen alle ja gar so individuell würden mit ihren Frisuren und ihren Schuhen, aber eigentlich einfach nur aus ihren Familienverbänden gerissen würden, wo halt ganz simpel eine Sorte Brot und vielleicht noch ein Kipferl und ein Semmerln und ein Stritzerl gekauft wurde, gibt’s heute für jeden Kunden ein eigenes Weckerl mit italienischen Prosciutto aus Ungarn und spanischem Salat aus Frankreich. Und jeder noch so kleine Bäcker müsse mit den riesigen Ketten mithalten mit ihren Filialen in U-Bahnstationen und Einkaufszentren, wo man ja alles kaufen könne, was einem noch nie in den Sinn gekommen sei. Und das ruiniere schließlich die kleinen Bäcker, weil man halt nicht wie die großen Firmen für jede verrückte Kreation einen ungarischen Bäcker habe, der sie passend zusammensetze und wahnsinnig anstrengend sei das auch, so kleinteilig zu produzieren und dann schließlich alles wegzuwerfen, nur damit den Kunden auf dem Blech ein bisschen Auswahl geboten werde.

Das ist schon schwierig, jaja, dachte ich mir weiter still und nickte wie jemand, der gerade nichts Besseres zu tun hat. Heutigentags will ja vom Leben die Eine die totale Erfüllung und der Nächste einen Esel, wer soll denn da noch mithalten, zumal ja auch Handelsketten schon längst wirklich schlechtes Brot im Angebot haben. Sagenhaft, dass Sie sich überhaupt bis jetzt gehalten haben, sagte ich zustimmend, und dann nickte plötzlich die Bäckerin wie jemand, die gerade was Besseres zu tun hat, und seufzte leise den Bäckerinnen-Seufzer. Im Wunsch, äußerst empathisch zu wirken, bestellte ich nicht das mich schmackhaft anlächelnde Ciabatta mit Hochland-Mozzarella aus Tibet und Nordsee-Ruccola auf jungen Zwiebeln, sondern eine Semmel, weil das was einfaches ist und trotzdem gut. Die Bäckerin lächelte mich an wie jemanden, der etwas verstanden hat und schenkte mir deshalb das Ciabatta gratis dazu, weil es gleich 10:30 Uhr war und solche Kleinbäckereien ja nicht nur an Sonntagen geradezu lächerlich früh zusperren. Glücklich ging ich aus dem Geschäft wie jemand, der sich gerade aus einem hoffnungslos langen Gespräch gerettet hat, biss in meine belegte Leckerei und warf die Semmel in den nächsten Aktenvernichter, damit bloß keine Ratte der Luft oder des Kanals sich daran erfreuen konnte.

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