Irgendwer muss es mal sagen

von poscoleri

Romantische Fantasien über den Besitz und die Haltung eines Esels hat doch wohl jeder irgendwann mal, da könnt ihr mir nichts erzählen, gerade im urbanen Bereich spüren doch die meisten Menschen, „dass da was fehlt“. Das sind ganz einfache Instinkte, und so ein Esel hat ja durchaus etwas Schönes an sich, erstmal natürlich ist es eine bequeme Fortbewegungsart, mit seinem Esel in U-Bahn zu fahren, da weiß man wenigstens, wenn er sich nicht bewegt, dann will er halt nicht. Das ist viel unmittelbar verständlicher als eine dieser glattgewaschenen U-Bahn-Erzählungen von einem „erkrankten Passagier“, wo wir doch alle wissen, was da läuft. Zweitens ist es freilich auch total praktisch, ständig Karotten bei sich zu führen, meine Güte, ich möchte gar nicht anfangen von den unendlichen Möglichkeiten zu erzählen, die sich da eröffnen. Ich sage nur: Schneemänner. Und das ist ja noch längst nicht alles, bespielsweise kann man den Esel auch einfach so in ein Zimmer stellen wenn man mit ihm gerade nicht durch die Stadt fährt. Eine Kamera aufgestellt und an eine passable Internetverbindung angeschlossen und schon hat meinen wunderbaren Livestream, der die Leute in seinen Bann zieht. Man könnte Wirtschaftskrisen auslösen, zumal in Spanien, wo Esel ja verehrt werden wie Inder-Rinder. Wenn man Freude an solchen Dingen findet, ist ein Esel wohl also die einleuchtendste Variante sich Genuss zu verschaffen, und Fördergeld von der EU gibt’s da bestimmt auch. Und wäre dem noch nicht genug, und das habe ich aus Mittagssendungen auf Vierundzwanzigstundenwerbesendern gelernt, hören die Vorteile so eines Esels da ja noch längst nicht auf. Man kann wirklich unzählige Tweets über dieses ebenso ruhige & phlegmatische wie ohrenbetäubend laute Tier schreiben, was wirklich nicht bei jedem Tier so ist, ich meine, was gibt es denn da, Katzen, Eichhörnchen, und dann wird’s schon schwierig. Da die Haltung von Rehen aber bestimmt nicht erlaubt ist und wir mit unseren üppigen Bezügen staatlicher Zuschüsse auf keinen Fall wegen Rotwild in Konflikt mit dem Gesetz geraten wollen, bleiben wir lieber bei einem Esel. Ein Hahn wäre zwar auch laut, ja, aber so ein Federvieh ist gar keine gute Idee, das brauche ich euch nicht zu erzählen. Man trifft ja allerortens finstere Gestalten, die sich sowas gerne auf einen Spieß stecken würden und den Menschen auf Rotlichtmeilen teuer verkaufen. Also ein Esel. Dann könnt ihr total sinnlose Blogposts schreiben als hättet ihr eine Kolumne zu füllen im ZEIT MAGAZIN oder gar im SZ MAGAZIN und der einzige Unterschied ist nur noch, dass ihr keine Kolumne habt. Aber halt mal positiv denken, sag ich immer, weil ich einer dieser Spinner bin, die sowas nicht nur sagen, sondern auch wirklich machen und deshalb meistens nur latent bis akut depressiv sind, außer ihre Vorstellung eines Esels löst sich mitten in der Nacht in Lust auf, weil sie im Mietvertrag unterschrieben haben, dass sie im Dezember keinen Esel kaufen. So ein Esel würde auch euer Desinteresse für fast alles teilen, von irgendwelchen Morden über Depressionen von irgendwelchen Prominenten bis zu irgendwelchen Blogposts, das esel’sche Desinteresse ist ja sprichwörtlich, wie man das so sagt, wenn man sich an das Sprichwort nicht erinnern kann. Dann würdet ihr euch nicht so schlecht fühlen in eurer Haut, würdet euch sehr viel leichter in’s Büro schleppen können, weil auf euch ja ein Esel warten würde zuhause, oder wenn ihr im Home Office arbeitet, wie es so viele tun, hättet ihr endlich interessante Gesellschaft, die auch nicht schwachsinniger ist als normale Arbeitskollegen. Wenn der Esel Geburtstag hat, könnt ihr ihm einfach einen umgedrehten Taschenrechner schenken und er freut sich bestimmt trotzdem, Esel sind für ihre Großzügigkeit berüchtigt. Packt ihn aber bloß nicht zu gut ein, Esel haben ja keine Daumen, wie ihr sicher wisst.

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