Der Innenhof

von poscoleri

Man stelle sich vor, eine Hausmeisterin, deren fiktive Existenz wir real schon immer erahnten, würde ein Haus meistern, von dem ich euch erzählen könnte, das ginge ungefähr so:

Seit ich dieses Haus zum ersten Mal betrat, spüre ich die verstörende Un-Alleinigkeit hier drin. Ich habe noch nie einen Nachbarn gesehen oder auch nur gehört, doch es ist klar: Hier lebt man unsichtbar, aber nicht allein. Wie zur Stellvertretung der gesamten Hausgemeinschaft ermächtigt stellt sich mir jedoch mit beunruhigender Sicherheit eine Frau in den Weg, die nur als Hausmeisterin beschrieben werden kann. Bei unserem ersten Treffen rekapitulierte sie mir mit beeindruckender Hingabe mein Ein- und Ausgehverhalten des zu Ende gehenden Tages, es war mir kein Leichtes, sie über mein nicht vorhandenes Interesse an jedwedem Kennenlernen im höflichen Unklaren zu lassen. Man will sich’s mit den Nachbarn ja möglichst ebenso spät verscherzen wie sie kennenlernen. Mein allzu enthusiastisches Schließen weit entfernter Türen wurde ungezwungen unpädagogisch beanstandet, ich sagte auf alle Fragen von „Wer sind Sie?!?“ über „Verstanden?!?“ bis zu „Problem damit?!?“ ganz einfühlsam „Jaja“ und wirkte hoffentlich angemessen debil. Als ich also letztens das Haus abends verließ um die Frau vom Flughafen abzuholen, wiegte ich mich in Sicherheit, so schnell nicht mehr vor Gericht treten zu müssen.

Auf dem Weg dorthin hat mich ein Amerikanisierungsgegner mit Tomaten und Kartoffeln beworfen, was reichlich fragwürdig ist und eine Abhandlung des Titels „Ironie als Stilmittel bei der Wahl von Wurffrüchten“ provoziert. Er verwechselte mich wohl mit Michael Häupl oder Michael Haneke, ich nehme es ihm nicht übel. Aber das alles nur so nebenbei.

Als ich jedenfalls mit der Frau das Haus wieder betrat und im Zustand geistiger Umnachtung (sagen wir: Liebe) einen Kieselstein an der scharfen Kante der Stiege im Innenhof aus meinem Schuh entfernte, in der blöden Ahnung, dass so ein spätabendliches Kieselsteinchen auf hausinneren Steinstufen mir erst recht die perverse Freude einer mit herzinfarktsverursachender Geschwindigkeit und Gewalt aus ihrer Türe springenden Hausmeisterin bescheren würde, da ging das Fenster der Erdgeschosswohnung auf und ein Mann beugte sich so weit aus diesem, dass der Innenhof plötzlich massivst an Größe einbüßte. Was ich mir denn erlaube, ob ich wisse wie spät es sei, wieso ich direkt neben den Mülltonnen die Sauberkeit beeinträchtigte, was denn überhaupt mit der Welt los sei und mit dem Fußballverein, wo ich denn solche Umgangsformen gelernt habe, wer mir diese durchgehen habe lassen und wie ich mit solchen auch nur einen Tag überlebte, nochmal ob ich wisse wie spät es sei, was es mit der EU auf sich habe und mit der Politik im Allgemeinen, die hätten doch keinen Bezug mehr zu den Nöten der einfachen Leute, aber wer sage denen das denn, niemand sage denen das, weil niemand mehr die nötigen Geschlechtsteile besäße, da bräuchte sich dann aber auch keiner wundern, wenn schlussendlich solche menschlichen Failed States rauskämen wie ich, asoziale Kleinganoven die rechtschaffenen Menschen des nächtens mit ebenso wilden wie gänsehautverursachenden Kratzgeräuschen den Schlaf raubten, die Menschen bräuchten doch ihren wohlverdienten Schlaf, nicht zuviel natürlich, man wolle ja nicht träge werden und sich am Wochenende um 7 nicht mehr aus dem Bett recken können, da könne man ja gleich aufgeben und den Kunststudenten die Stadt überlassen, und überhaupt, früher hätte man die Kieselsteine noch mit der Zunge aus den nackten Fußsohlen gezutzelt, und ich sagte nur immerzu „Jaja“, denn ich war erstens entsetzt, dass mittendrin die Hausmeisterin aus der dunklen Ecke des Hofes eine Zigarette rauchend hervortrat (Hausfrauenninja?!?), und zweitens war ich ein wenig überfordert von der Tatsache, dass er all diesen zwischenmenschlichen Sprengstoff in den Satz „Schuhe draussen abputzen!!!“ zu stecken imstande war.

Advertisements