Intermezzo

von poscoleri

Wien, 19:27 Uhr, Sigrids Telefon klingelt. Sie hebt ab.

Sigrid: Hallo?
Telefon: Hier spricht Markus!
Sigrid: Oh, hallo, wo seid ihr denn?
Markus (enthuasiastisch): Wir sind in Triest, wir haben ein wunderschönes Café gefunden, nimm dir ein Taxi! [Fischgeräusche, etwa: BLUPP, FLUTSCH, ZAPPEL]
Sigrid (skeptisch): Wird das nicht teuer?
Michael (schreit in’s Telefon): Mach dir keine Sorgen, ich geh auf den Hafenstrich!
Sigrid: Na gut, in 5 Stunden bin ich da.
Markus (hocherfreut): Bis gleich!

Triest, 00:30 Uhr am nächsten Tag. Sigrid steigt aus dem Taxi. Wasser schwappt an Hafenmauern. Möwen machen Möwengeräusche.

Sigrid (müde): 650 Euro.
Michael: Das ist mehr als wird gedacht haben.
Markus: War wohl zu erwarten, wir haben die Vignette in Slowenien nicht eingerechnet.
Michael: Damn you, Slowenien.
Markus: Holen wir uns halt Geld.
Sigrid zum Taxifahrer: Fahren Sie uns zu einem Bankomaten.
Taxifahrer: In Wien?
Alle drei (erbost): Hier!

Die Drei fahren zum Bahnhof und wechseln österreichische Euros in italienische Euros. Sie machen ein schlechtes Geschäft und verfluchen Frank Stronach. Der Taxifahrer fährt ab. Sie gehen zurück zur Zentrale der Hafenpolizei.

Markus: Ist das Kroatien, da drüben?
Michael: Ganz bestimmt. [Wasser platscht gegen die Hafenmauer]
Sigrid: Dort zahlt man mit Kuna.
Markus: Ganz bestimmt. [Wasser platscht gegen Boote]
Sigrid: Was ist eigentlich mit dem Café?
Markus: Hat geschlossen.
Sigrid: Das ist schade.
Michael (aufmunternd): Morgen macht es wieder auf.
Sigrid: Ganz bestimmt. [Nebelhorn eines Kreuzfahrtsschiffes]

Wie unsere Drei da so an der Hafenkante stehen und vom dunklen Adriatischen Meer bis zu den ebenso dunklen Hügeln des Friaul blicken, kommt Claudio Magris vorbei.

Michael (hyperventilierend): Oh Emm Tschi, schaut mal, das ist Claudio Magris!

Sie fangen ein Gespräch mit Claudio Magris an, der Deutsch spricht, weil er merkt, dass Michaels Italienisch recht südtirolerisch klingt.

Michael: Signieren Sie mir ein Buch, Herr Claudio Magris?
Claudio Magris: Aber natürlich.
Michael: Hier, bitte!
Claudio Magris (verwundert): Das ist ja gar nicht von mir, das ist ja von Ihnen!
Michael: Ja. Sie schreiben Bücher?
Claudio Magris: Ja.
Michael: Das wusste ich nicht.
Claudio Magris: Was machen Sie drei überhaupt hier?
Markus: Wir haben ein Café gesucht.
Claudio Magris: Gibt es nicht in Wien sehr schöne Cafés?
Sigrid: Nicht dort, wo wir wohnen.
Claudio Magris: Verstehe.
Markus: Was machen Sie überhaupt um diese Zeit hier draussen?
Claudio Magris: Ich kann nicht schlafen wegen der Austeritätspolitik. [Geräusche von Austerität]
Markus: Schön, dass es noch politische Autoren gibt.
Sigrid (seufzend): Sie sind ja leider viel zu selten geworden.

Claudio Magris lädt die Drei ein, in einer Eisenbahnunterführung zu übernachten. Sie nehmen dankend an und verabschieden sich.
Sie wachen um 9:30 auf und schleppen sich in das Café. Sie bestellen drei Espressi und dann noch drei.

Sigrid: Wie kommen wir jetzt nachhause?
Michael: Bleiben wir nicht hier?
Markus: Eigentlich nicht, aber wir haben kein Geld mehr. Das ist wohl die vielzitierte normative Kraft des Faktischen, glaub ich. [Tiramisúgeräusche, etwa: SCHMATZ, SCHMELZ, ZERGEH]
Michael: Lasst mich kurz telefonieren.

Michael telefoniert auf Italienisch, gestikuliert liebevoll und küsst das Telefon.
Eine Stunde später: Ein Fiat Cinquecento hält vor dem Café, ein Mann steigt aus und geht auf Michael zu.

Michael: Ciao Zio.
Onkel: Ciao Michele. [Wangen knallen lautstark aneinander, der Onkel gibt Michael die Autoschlüssel]
Michael: Ciao Zio.
Onkel: Ciao Michele. [Wangen knallen lautstark aneinander, Onkel geht ab]
Michael (feurig): Fahren wir!

Sie steigen ein und lassen Triest unter seinem Herbsthimmel zurück. Triest nimmt’s gelassen.

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