Ein homophober Schlag in mein Gesicht

von poscoleri

Heute um 4:18 Uhr habe ich einen Schlag ins Gesicht bekommen, weil mich jemand für homosexuell hielt.

Ich bin 1,80 Meter groß, wiege vielleicht 60 Kilo, meine Haut ist die meiste Zeit des Jahres tendenziell schneeweiß, ich bin heterosexuell und in dem Land geboren, in dem ich lebe, ich trage meistens nur Kleidung, die in der H&M-Männerabteilung zu finden ist. Multi-privilegiert.

Ich bin auf der Wiener Ringstraße am Hemdträger-Club „Passage“ vorbeigegangen und dabei über unzählige am Boden verstreute Jägermeister-Flaschen gestiegen und von Betrunkenen angerempelt worden. So weit, so normal, so unangenehm. Schnellen Schrittes hab ich mich entfernt und war schon 200 Meter weiter, als mir zwei junge Männer entgegen kamen. Als ich an ihnen vorbeiging, vernahm ich durch die Musik in meinen Kopfhörern hindurch, wie sie mir „Schwuli“ zuriefen. Ohne mich umzudrehen, deutete ich ihnen, dass ich das nicht als Beleidigung wahrnahm und kein Problem damit hatte. Als sie laut zu schreien anfingen, blieb ich stehen und fragte sie, worin denn das Problem bestehe. Sie kamen auf mich zu, fragten wieso ich ihnen den Mittelfinger zeigte, ich sagte, wenn ich das gemacht hätte, wäre es ja wohl okay bei seitlichen Zurufen.

Ich habe nicht gesagt: Wieso glaubt ihr, ich wäre schwul? Weil ich alleine unterwegs bin und nicht wie ihr beiden, die ihr offensichtlich so tight seid, dass ihr immer gleichzeitig sprecht, mit meinem Lebensmenschen? Ich habe mich auch nicht über mein Sexualleben ausgelassen oder ihnen suggeriert, dass sie sich wohl wünschen würden, mit mir im Bett zu landen. Ich habe auch nicht gefragt, wieviele Stunden mehr sie wohl wöchentlich für Haar- und Fingernägelpflege verwenden als ich.

Ich habe das nicht gemacht, weil ich dann ja mitgespielt hätte in ihrem Weltbild. Ich habe nicht vor, mich dagegen zu wehren, wenn irgendjemand mir irgendwelche sexuellen Präferenzen zuschreibt. Geht die weder was an noch ist das eine Beleidigung.

Während ich das alles nicht gesagt habe, flog mir eine Faust ins Gesicht. Blut spritzte mir warm ins Gesicht, meine Brille rotierte in hohem Bogen in die Wiese.

Ich habe mich entfernt, weil die beiden Herren auf mich gewirkt haben, als ob sie das gerne nochmal probiert hätten und in mir ein einfaches Ziel sahen. Sie hätten wohl gesagt: Pussy, Weichei, Schwanzlutscher, Pazifisten-Homo. Und weil ich meine Brille nicht neben zwei Vorstadtpsychopathen suchen wollte, die beide sportlicher aussahen als ich. Ich habe die Polizei gerufen, vor allem, weil ich meine Brille wiederhaben wollte und sie im Dunkeln ohne Brille eben niemals gefunden hätte. Es kam grad eine Streife am Ring entlang und fuhr an den beiden Männern vorbei, die schon wieder in Richtung Passage unterwegs waren. Ich hab die Streife aufgehalten, bin mit den PolizistInnen den beiden hinterher, habe Anzeige erstattet, die Typen identifiziert und Fotos wurden von meinem Gesicht gemacht.

Ich schreibe das hier nicht auf, weil ich mich als Opfer homophober Gewalt fühle. Ich bin, wie oben beschrieben, in jeglicher Hinsicht privilegiert. Die Wunde ist auch nicht der Rede wert, es hat schon nach zwei Minuten nicht mehr geblutet, ich habe nicht mal ein blaues Auge. Meine Brille ist beim Optiker, vielleicht lässt sie sich nicht mehr zusammenbiegen. Ärgerlich, aber ich habe schon zuviele Brillen zerstört, um dem Beachtung zu schenken.

Ich schreibe das nicht auf, weil ich Angst hätte, dass mir so etwas wieder passieren könnte. Ich wurde mit dem heutigen Vorfall genau zwei mal in meinem Leben angegriffen, beide Male fiel der Begriff „schwul“. Jugendliche, Trotteln. Es war nicht nett, plötzlich blind zu sein, aber ich hätte auch zurückgeschlagen und habe es nicht getan, weil ich mein Aggressionspotenzial kenne und mir sofort außer meinem Körper fünf Dinge in meiner Tasche einfielen, mit denen ich mich (über die Maßen, siehe: Notwehrexzess) zur Wehr setzen hätte können. Sie haben das nicht erfahren, ich hab vor der Polizei nicht gesagt, was ich ihm wünschen würde, ich hab das alles gelassen. Ich habe ein überzogenes Ego und ich werde irgendwann wieder um kurz nach vier Uhr an der Passage vorbeigehen, ich hab das morgen vergessen.

Ich schreibe das auf, weil es mich nicht wirklich trifft, aber für mich vielleicht leichter ist, darüber zu schreiben als wirklichen Opfern von von (sexistischer, homophober, rassistischer, etc.) Gewalt. Verbale und nonverbale Gewalt, physische und psychische. Mir ist nichts passiert, es macht mir nichts aus, aber viele Menschen können soetwas nicht so einfach wegschieben wie ich. Viele Menschen, die sich nach ihren Vorlieben anziehen oder ihr Leben nach ihren Wünschen gestalten wollen, wären vielleicht froh, wenn sie aus manchen Situationen nur einen kleinen Kratzer über dem Auge davongetragen hätten. Ich habe das aufgeschrieben, weil Menschen ständig angegriffen werden für Dinge, die nur sie etwas angehen.

Es gibt die absonderlichsten Dinge, direkt in der Wiener Innenstadt, auf einer hell beleuchteten Allee, Ich finde, man sollte Sexismus und Homophobie (etc.) nicht vom Tisch wischen, als gäbe es das nicht mehr in unserer ach so freien Gesellschaft. Wir müssen diese Behauptung nicht akzeptieren. Menschen sind übergriffig, ständig. Und manche Menschen sind hilfloser als ich.

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