Auf Ausgang – Kurzgeschichte

von poscoleri

Die Frist war fast abgelaufen, er hatte sich auch längst damit abgefunden, sie nicht erfüllen zu können. Sein Bemühen war eher vorgeschoben, um bis zum letzten Moment den Schein einer Produktivität zu wahren, die er nie sein Eigen genannt hatte. Ihm wurde klar, dass er diese Schlacht nicht mehr gewinnen würde, er musste sich eingestehen, dass er wieder mal verloren hatte gegen sich selbst. All das vermochte ihn kaum noch zu kümmern, er war es doch schon gewöhnt, die Enttäuschung war schon vor langem zu seiner stetigen Begleiterin geworden. Und doch verspürte er in dem Augenblick, als der Zeiger mit einem kaum hörbaren Knacksen auf 1 Uhr Nachmittags sprang, einen zarten Stich, ganz als ob jemand ein unsichtbares Band, das um sein Herz gebunden war, zur Strafe ein kleines bisschen enger zog. Doch gleich danach kam die Erleichterung, die Entspannung. Bis zum nächsten Termin war es nun wieder ein halbes Jahr, viel zu weit weg um Vorkehrungen zu treffen oder sich überhaupt Gedanken darüber zu machen. Kurz schob er sogar die Vorhänge zur Seite, aber das grelle Mittagslicht blendete und ließ ihn den Raum wieder in Dunkelheit hüllen. Er hörte die Tür quietschen, sah einen Schatten, der die Tür hinter sich schloss. Mit bedachten Handgriffen wurden die Laden geöffnet, gefüllt, und wieder geschlossen. Die Schritte entfernten sich wieder. Die Tür öffnete sich abermals, noch einmal blitzte für Sekunden Licht und Straßenlärm in die leere Wohnung, und die Tür wurde wieder von aussen geschlossen. Der Schlüssel wurde 2 Mal im Schloss gedreht. Er erhob sich behutsam aus dem Sofa, dem einzigen Möbelstück, begab sich langsam in die Küche, öffnete die Cornflakes-Lade, nahm die vorderste der 10 Schachteln heraus, leerte die Hälfte in die erste der zehn weißen Schalen und öffnete den Kühlschrank. Zuerst war er etwas verwirrt, aber als seine Augen sich an das Neonlicht gewöhnt hatten, konnte er einen Schlüssel erkennen, der mit einem Stück Papier an der sechsten Milchpackung klebte. Geschockt packte er beides und las die 7 Wörter, die er vor langer Zeit auf die Innenseite einer Cornflakes-Packung festgehalten hatte. Der Karton war schon viel zu vergilbt, als dass man auch nur irgendetwas hätte erkennen können,  doch sie waren in sein Gedächtnis eingebrannt als wären sie in leuchtenden Neon-Farben geschrieben. Sehr genau erinnerte er sich an den Tag, an dem er beides in einem Kuvert unter die Fußmatte gelegt hatte. Er hatte noch lange nicht damit gerechnet, den Schlüssel wieder durch seine Finger gleiten lassen zu müssen. Immer noch verwirrt ging er in Richtung der Tür und stellte sich in einem Meter Entfernung vor ihr auf. Minutenlang starrte er das Türschloss an. Bis er sich aufraffte und mit zittrigen Händen den Schlüssel einführte, zweimal gegen den Uhrzeigersinn drehte und die Klinke hinunterdrückte, hatte er viele Dutzende Menschen an der Tür vorbeigehen gehört. Fast ebenso lang brauchte er um die Tür zu öffnen, und noch einmal so lang um ins Sonnenlicht zu treten. Der Gehsteig der Seitengasse war schmal und Passanten drängten sich, teilweise verwundert über sein Aussehen, an ihm vorbei, doch die meisten waren viel zu beschäftigt um diesem barfüßigem, schlecht rasiertem und nur mit einem weißen Pyjama bekleideten Mann mehr als einen kurzen Blick zu schenken. Er wirkte auf merkwürdige Weise fehl am Platz als er sich in Bewegung setzte. Selbst ein Vater mit Kinderwagen rempelte ihn an, er konnte kaum Schritt halten, nicht mal einem noch ein wenig x-beinig tapsenden Kleinkind war er ein ebenbürtiger Gegner. Auf der Hauptstraße angekommen wankte er auf eine Sitzbank zu, auf der ein junges Paar Platz genommen hatte. Sie rutschten verwundert beiseite als er sich erschöpft setzte. Von diesem Punkt konnte er sehr gut die Fenster seiner Wohnung mit den zugezogenen Vorhängen sehen. Der Weg erschien ihm nun schrecklich weit. Es schien zu bezweifeln, ob er den Rückweg in diesem Zustand bewältigen würde. Doch das wollte er nun gar nicht mehr. Aufmerksam beobachtete er die vorbei hetzenden Menschen, wartete auf einen Wink des Schicksals, eine Erscheinung, doch er konnte nichts erkennen. Oft hatte er über diesen Tag nachgedacht. Es war seine einzige Beschäftigung gewesen, von den halbjährlichen Erkenntnis seiner Unproduktivität einmal abgesehen. Er hatte ihn sich wohl mystischer und bedeutungsvoller ausgemalt, hatte sich erhofft, dass dieser eine Tag symbolträchtiger und richtungsweisender erscheinen und wohl auch irgendein Zeichen offenbaren würde, das seiner selbstgewählten Einsiedelei nachträglich einen höheren Sinn geben würde. Doch es offenbarte sich ihm nichts dergleichen, einzig und allein die Einsicht, dass sich in der Aussenwelt während all der Zeit auf den ersten Blick genauso wenig verändert hatte wie für ihn. Bis die Schatten der Kirschbäume seinen Kopf dem Sonnenschein preisgaben saß er auf der Bank, dann erhob er sich, ungleich behänder als er sich gesetzt hatte, und machte sich auf den Weg. Zielstrebig entfernte er sich von seiner Wohnung, sein Schritt war voll Elan, er hatte kaum etwas gemein mit der geknickten Gestalt, die vor Stunden aus dem Haus gegangen war.

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